Ethische Aspekte einer Urlaubsreise im Jahr 2022

  • Gerade habe ich folgenden Artikel auf Zeit-Online mit dem Titel "Der Urlaub des Westens ist vorbei" gefunden: https://www.zeit.de/kultur/202…n-10nach8/komplettansicht


    Ich finde den thematischen Bezug diese Textes besonders geeignet, die Kriegsproblematik auch für dieses Forum diskussionsfähig zu machen. Als Ausgangspunkt möchte ich folgendes Zitat aus dem Artikel vorschlagen:


    "Der Urlaub ist vorbei. Lasst uns also alle an unsere Arbeitsplätze zurückkehren und jeder in seinem Bereich tun, was wir tun können, wenn wir nicht wieder um hundert Jahre in der Geschichte zurückfallen wollen. Jeder einzelne von uns kann etwas tun, nicht nur die Politiker. Vor allem eins dürfen nicht mehr: die Augen verschließen. Denn auch ein Krieg kann lästig und langweilig werden. Ich spreche aus eigener Erfahrung: Auch die anfängliche Solidarität, die anfängliche Hilfsbereitschaft können mit der Zeit einer stumpfen Apathie weichen, denn wir alle sind anpassungsfähig und ja, wir gewöhnen uns auch zuweilen an grässliche Sachen."


    Und wieder vorneweg:

    1) Der Text bzw. das Zitat ist nicht von mir verfasst!!!!!

    2) Die (mögliche) Diskussion richtet sich an alle Menschen in diesem Forum, die sich in Ihren Urlaubswünschen von der aktuellen Situation möglicherweise ethisch betroffen fühlen und einen diesbezüglichen Diskussionsbedarf verspüren.

  • miluparo

    Hat den Titel des Themas von „Ethische Aspekte einer Urlaubsreise im Sommer 2022“ zu „Ethische Aspekte einer Urlaubsreise im Jahr 2022“ geändert.
  • Eine interessante und gleichzeitig sehr schwierige Frage!


    Es tut mir leid, ich finde die Diskussion in großem Maße heuchlerisch. Jetzt, wo wir einen Konflikt quasi vor der Haustür haben, sind wir betroffen und fangen an, uns Gedanken zu machen. Wo waren diese Gedanken die letzten Jahrzehnte? Haben wir uns diese Frage auch bei den Auseinandersetzungen in Syrien (600.000 zivile Opfer), Afghanistan (mehr als 2.000.000 wenn wir den Krieg bis '89 mit dazu nehmen), im Jemen, Irak (900.000), in Nigeria, Somalia (550.000) , Sudan (1.000.000), der Elfenbeinküste, im Tschad, in Lybien, Tschetschenien, Sri Lanka, Mali, Kongo (800.000) usw. gestellt? Nein! Nach dem zweiten Weltkrieg sind weltweit 60 - 65 Millionen Menschen durch Kriege gestorben. Haben die uns bei der Urlaubsplanung interessiert? Nein!


    Haben wir darüber nachgedacht, auf unseren Urlaub zu verzichten und das Geld zu spenden, damit keine Kinder in Afrika mehr verhungern müssen? Nein!


    Sind die Toten in der Ukraine mehr "wert" als die 30 bis 40 Millionen Menschen, die jedes Jahr an Hunger bzw. den unmittelbaren Folgen davon sterben? Scheinbar...


    So betrachtet, hätten wir noch nie in Urlaub fahren dürfen. Weder früher noch heute. Aber das alles war ja weit genug weg, um uns nicht über die Maßen betroffen zu machen. Wobei der Autor des Artikels in der Zeit mit "Urlaub" was anderes gemeint hat, als die sommerliche Fahrt in die Ferien. Aber hier geht es jetzt denke ich um den bzw. unseren Erholungsurlaub.


    Was hat die Ukraine davon, wenn wir nicht in Urlaub fahren? Vielleicht nur dann was, wenn wir stattdessen das ganze Geld spenden oder wir bereit wären, den Urlaub nutzen, um russische Panzer mit Molotowcocktails zu bewerfen. Ändert meine Urlaubsreise irgendwas an der Situation in Mariupol oder Charkiw zum Guten oder zum Schlechten? Wird sich ein Putin davon beeindruckt zeigen wenn ich sage: "Na, diesen Sommer bleibe ich aber mal zuhause!"? Ein Verzicht auf eine Urlaubsreise ist für mich nichts anderes als eine symbolische Solidarität, die in dem Fall nicht mal jemand mitbekommt und somit auch niemandem was nützt.


    War jetzt vielleicht ein bißchen hart formuliert, ok. Und ja, ich finde die Situation in der Ukraine absolut tragisch und ich weiß, daß ich mich nicht in die Situation der Leute vor Ort wirklich hineinversetzen kann, weil ich noch nie - und ich hoffe das bleibt so - eine kriegerische Auseinandersetzung am eigenen Leib bzw. Hab und Gut habe erleben müssen.


    Aber jetzt die Moral- oder Ethikkeule zu schwingen - ich bleibe dabei - ist für mich Heuchelei in anbetracht dessen, was wir die letzten Jahre/Jahrzehnte übersehen haben.


    Grüße

    Georg


    Edit: Anno '92 war ich zum Urlaub in Kroatien, obwohl der Jugoslawienkrieg noch am brodeln war. Warum? Weil ich dachte, wenn ich mein Geld vor Ort ausgebe, dann haben die Leute was davon. Jedenfalls mehr, als wenn ich zuhause geblieben wäre.

  • Wir waren "nicht im Urlaub", sondern wir waren und sind die (vermeintlich) moralisch Überlegenen! Wir wollen keine Atomkraft, wir wollen keine Kohle, wir liefern keine Waffen, wir nehmen unbegrenzt Flüchtlinge auf... , man könnte die Reihe fortsetzen (das alles aber nur solange man keine persönlichen Einschränkungen hat). Am deutschen Wesen soll die Welt genesen....

  • Aber das alles war ja weit genug weg, um uns nicht über die Maßen betroffen zu machen.

    Was ist denn falsch daran, wenn uns die Nähe jetzt erstmals betroffen macht, auch wenn es das Problem an sich schon früher hätte machen sollen?

    Muss es nicht möglich sein, einen eventuellen Irrtum auch zu korrigieren?


    Aber jetzt die Moral- oder Ethikkeule zu schwingen - ich bleibe dabei - ist für mich Heuchelei in anbetracht dessen, was wir die letzten Jahre/Jahrzehnte übersehen haben.

    Aber ohne das Schwingen der Ethikkeule würdest du schon sagen, dass eine Einstellungs oder Verhaltensänderung notwendig sein könnte? Oder willst du damit sagen, dass der Erholungsurlaub gar nicht mit der jetzigen Situation in Verbindung gebracht werden sollte?


    Was hat die Ukraine davon, wenn wir nicht in Urlaub fahren?

    Das halte ich in diesem Zusammenhang für eine falsche Frage, weil sie das zugrunde liegende Problem verschleiert. Es ist doch logisch selbstverständlich, dass das eine mit dem anderen direkt kausal nicht verknüpft ist.


    Aus der für das Forum doch sehr deutlichen Zustimmung zu deinem Beitrag entnehme ich, dass du mit deiner Meinung nicht ganz alleine zu stehen scheinst.

  • Ich sehe nicht, dass das Urlaub machen im Sinne einer Reise gemeint ist sondern die Ignoranz und Glückseligkeit basierend auf unserer bisherigen Sicherheit und Bequemlichkeit .

    So ist es! Aus diesem Grund habe ich in meiner obigen Einlassung "nicht im Urlaub" in Anführungszeichen gesetzt, denn der "Urlaub" ist nur ein Synonym. Man könnte es auch so sagen: "Immer wenn es darum ging, waren wir nicht da!"


    Viel Grüße

    Jürgen

  • Was ist denn falsch daran, wenn uns die Nähe jetzt erstmals betroffen macht, auch wenn es das Problem an sich schon früher hätte machen sollen?

    Muss es nicht möglich sein, einen eventuellen Irrtum auch zu korrigieren?

    In meinen Augen wird damit kein Irrtum korrigiert. Die anderen großen Tragödien unserer Welt geraten damit nur noch mehr aus dem Blick. Gerne würde ich den Weltfrieden sehen oder eine gerechte Verteilung von Besitz und Nahrungsmitteln weltweit. Auch wenn mich das einen Teil meines Wohlstandes kosten würde.


    Aber ohne das Schwingen der Ethikkeule würdest du schon sagen, dass eine Einstellungs oder Verhaltensänderung notwendig sein könnte? Oder willst du damit sagen, dass der Erholungsurlaub gar nicht mit der jetzigen Situation in Verbindung gebracht werden sollte?

    Richtig, das eine hat mit dem anderen in meinen Augen überhaupt nichts zu tun. Zumindest nicht in ethisch-moralischer Hinsicht.


    Das halte ich in diesem Zusammenhang für eine falsche Frage, weil sie das zugrunde liegende Problem verschleiert. Es ist doch logisch selbstverständlich, dass das eine mit dem anderen direkt kausal nicht verknüpft ist.

    Aber dennoch wird es durch die Fragestellung des Threads in einen - vermeintlichen - Zusammenhang gebracht.


    Aus der für das Forum doch sehr deutlichen Zustimmung zu deinem Beitrag entnehme ich, dass du mit deiner Meinung nicht ganz alleine zu stehen scheinst.

    Und wenn ich ganz alleine damit stünde, damit könnte ich leben. Immerhin habe ich eine Meinung, die ich auch noch einigermaßen begründen kann. Ja, ich weiß, ich habe durchaus drastische Worte verwendet, aber vielleicht sind die bei so einem Thema auch einfach mal notwendig.


    Grüße

    Georg

  • Wobei der Autor des Artikels in der Zeit mit "Urlaub" was anderes gemeint hat, als die sommerliche Fahrt in die Ferien. Aber hier geht es jetzt denke ich um den bzw. unseren Erholungsurlaub.

    Nach meiner Interpretation hat er mit dem Begriff Urlaub genau den Nerv getroffen. Urlaub wird doch oft fast reflexartig als zu akzeptierende Ausrede dafür verwendet, sich gerade nicht mit einem Problem befassen zu können oder müssen. Wenn das ganz besonders betont werden soll, wird noch das Adjektiv "wohlverdient" hinzugefügt.

    • Offizieller Beitrag

    Und genau diesen Punkt diskutiere ich beruflich und privat schon seit vielen Jahren. Das ist unabhängig von Kriegen. Die Reaktionen sind oft scheinheilig. Eine Entwicklung zu mehr Regionalität, Bescheidenheit, Empathie und weniger Egoismus würde viele Probleme lösen. Der Urlaub auf Korsika darf sein und ist grundsätzlich nicht verantwortlich für das Leid. Entscheidend sind die restlichen Tage des Jahres!

  • Ich sehe nicht, dass das Urlaub machen im Sinne einer Reise gemeint ist sondern die Ignoranz und Glückseligkeit basierend auf unserer bisherigen Sicherheit und Bequemlichkeit .

    Das hatte ich ja auch schon ganz oben geschrieben. Miluparos Frage Nummer zwei habe ich aber schon als auf "Erholungsurlaub" bezogen gelesen.


    Daß wir aufwachen müssen und vermeintliche Gewissheiten über Bord werfen, sollte langsam der letzte Putin-Versteher verstanden haben. Die Agression Russlands gegenüber der Ukraine haben innerhalb kürzester Zeit zu Konsequenzen und Allianzen geführt, die noch vor vier Wochen in dieser Drastigkeit unvorstellbar gewesen wären. Und sie wird Dinge, wie die Unabhängigmachung von fossilen Rohstoffen usw. enorm beschleunigen.


    Grüße

    Georg

  • Aber dennoch wird es durch die Fragestellung des Threads in einen - vermeintlichen - Zusammenhang gebracht.

    Der Zusammenhang besteht für mich unbezweifelbar, aber eben nicht, wie ich ausdrücken wollte, direkt kausal, sondern über soziale bzw. gesellschaftliche Wirkungsformen.

  • Kannst Du das noch ein bißchen näher erläutern, was Du konkret damit meinst?

    Zum Beispiel kann der Verzicht auf Urlaub als Solidaritätsbekundung gedeutet werden, die auf einen Betroffenen, der das erfährt und so bewertet, psychisch entlastend wirkt. Wenn man den Angehörigen eines Verstorbenen kondoliert, macht das den Toten doch auch nicht wieder lebendig, aber es kann (nicht muss) die Hinterbliebenen trösten. Aber ich glaube, wenn wir noch weiter ins Detail gehen, driftet die Diskussion in eine falsche Richtung..


    Wir müssten uns doch eigentlich darauf einigen können, dass Urlaubsreisen prinzipiell auch unter ethischen Aspekten betrachtet werden können.

  • Zum Beispiel kann der Verzicht auf Urlaub als Solidaritätsbekundung gedeutet werden, die auf einen Betroffenen, der das erfährt und so bewertet, psychisch entlastend wirkt. Wenn man den Angehörigen eines Verstorbenen kondoliert, macht das den Toten doch auch nicht wieder lebendig, aber es kann (nicht muss) die Hinterbliebenen trösten. Aber ich glaube, wenn wir noch weiter ins Detail gehen, driftet die Diskussion in eine falsche Richtung..


    Wir müssten uns doch eigentlich darauf einigen können, dass Urlaubsreisen prinzipiell auch unter ethischen Aspekten betrachtet werden können.

    1.) Urlaubsreisen müssen definitiv unter ethischen Aspekten betrachtet werden, da stimme ich voll zu. Für mich geht es da aber eher um Fragen wie: reise ich in ein diktatorisches Land? (China, Russland, Türkei usw.) reise ich in ein in Krieg involviertes Land? (Bspw. Israel) Ist eine Reise in das Land unter ökologischen Aspekten vertretbar? Das sind für mich Fragen, denen ich mich stelle und die ich mir vorher stelle.

    2.) Halte ich es für Humbug sich Gedanken zu machen, ob ein Auslassen eines privaten Urlaubs nach Korsika aktuell oder im Sommer irgendjemandem hilft (außer ich spende das Geld, da bin ich bei Schorschi )

    3.) Selbst in der Argumentation einer psychischen Entlastung eines vom Krieg Betroffenen, so ist Urlaub in seiner Reinform ja auch eine psychische Entlastung des Reisenden. Da unterstelle ich mal jedem Reisenden, dass es diese genauso benötigt. Wenn ich dann mal egoistisch an mich selbst denke, dann brauche ich dann und wann dringend Urlaub um dem Krankenhausalltag zu entfliehen. Mögliche Psychopathologien können so ganz gut in Schach gehalten werden.

  • Ich möchte auch nochmal klarstellen, dass ich von der aktuellen Situation genauso betroffen bin wie ihr. Wir fahren seit 2015 wieder regelmäßig jedes Jahr nach Korsika und wir hatten nicht vor, diese Serie in nächster Zeit zu beenden. Corona konnte uns auch nicht stoppen, weil wir uns an alle Regeln halten konnten. Aber in der derzeitigen Situation fühlt sich für uns das Urlaubsverlangen einfach völlig anders an, als sonst die Jahre. Und da spielen halt viele Aspekte mit, auch ethische.

    Wenn manche das Gefühl haben sollten, dass hier von mir mit der Ethikkeule geschwungen wird, dann kann ich das nicht verhindern. Ich jedenfalls beaqbsichtige das das nicht und wenn man meine bisherigen Beiträge zu dem Thema liest, kann man das eigentlich auch erkennen. Oder gibt es da Widerspruch?

  • (außer ich spende das Geld, da bin ich bei Schorschi )

    Da gibt es doch wirklich noch mehr Möglichkeiten? Also nciht dass ich jetzt falsch verstanden werde, dass ich irgend etwas fordern würde. Aber Hilfe beschränkt sich doch nicht auf Geld?

  • Selbst in der Argumentation einer psychischen Entlastung eines vom Krieg Betroffenen, so ist Urlaub in seiner Reinform ja auch eine psychische Entlastung des Reisenden. Da unterstelle ich mal jedem Reisenden, dass es diese genauso benötigt. Wenn ich dann mal egoistisch an mich selbst denke, dann brauche ich dann und wann dringend Urlaub um dem Krankenhausalltag zu entfliehen. Mögliche Psychopathologien können so ganz gut in Schach gehalten werden.

    Da beschreibst aus meiner Sicht sehr treffend das Spannungsfeld, für das es keine einfachen eindimensionalen Patentrezepte gibt. Genau deshalb muss es doch möglich sein, konstruktiv auch über ethische Apekte zu diskutieren.

    Keiner von uns kann wissen, wie er sich dieses Jahr im Urlaub fühlen wird, weil eben höchstwahrscheinlich etwas anders sein wird, als sonst die Jahre. Es kann doch hilfreich sein, sich im Vorfeld schon mal ehrliche Gedanken zu machen und andere daran teilhaben zu lassen, als die Situation einfach unreflektiert auf sich zukommen zu lassen.

    • Offizieller Beitrag

    Da beschreibst aus meiner Sicht sehr treffend das Spannungsfeld, für das es keine einfachen eindimensionalen Patentrezepte gibt. Genau deshalb muss es doch möglich sein, konstruktiv auch über ethische Apekte zu diskutieren.

    Keiner von uns kann wissen, wie er sich dieses Jahr im Urlaub fühlen wird, weil eben höchstwahrscheinlich etwas anders sein wird, als sonst die Jahre. Es kann doch hilfreich sein, sich im Vorfeld schon mal ehrliche Gedanken zu machen und andere daran teilhaben zu lassen, als die Situation einfach unreflektiert auf sich zukommen zu lassen.

    Ich erkenne keine grundsätzliche Kritik an Deinen wirklich guten Beiträgen.

    UND ich finde die Diskussion, die Inhalte und die Art und Weise der Beiträge ganz toll!

    Danke an euch!

  • Da beschreibst aus meiner Sicht sehr treffend das Spannungsfeld, für das es keine einfachen eindimensionalen Patentrezepte gibt. Genau deshalb muss es doch möglich sein, konstruktiv auch über ethische Apekte zu diskutieren.

    Keiner von uns kann wissen, wie er sich dieses Jahr im Urlaub fühlen wird, weil eben höchstwahrscheinlich etwas anders sein wird, als sonst die Jahre. Es kann doch hilfreich sein, sich im Vorfeld schon mal ehrliche Gedanken zu machen und andere daran teilhaben zu lassen, als die Situation einfach unreflektiert auf sich zukommen zu lassen.

    Genau das tun wir hier ja auch und es ist absolut legitim das zu tun. Ich wollte es nur nicht so stehen lassen ;)

    Am Ende hat Ethik ja auch viel mit Individualität zu tun…